Santarém und Alter do Chão

4 05 2012

In Santarém begaben sich Anna und ich zuerst auf eine lange Hotelsuche, erfolgreich zum Schluss. Bei der ganzen Suche wurden wir NATÜRLICH auch noch von der lokalen Touristenpolizei unterstützt, einer der Kerle bot uns sogar sein Heim als Bleibe, aber wir dankten auf Grund Misstrauen höflich ab. Wir fanden schliesslich ein Zimmer mit privatem Badezimmer, Klimaanlage und Kühlschrank. So konnten wir uns auch Salat mit schwarzen Oliven, Frühlingszwiebeln, Karrotten, Tomaten, Mais und Atuna zubereiten 🙂 Endlich wieder einmal etwas Frisches und Gesundes… Nach einer ausgiebigen Dusche hockten wir uns ins Internetcafé, wo mir der Angestellte netterweise mit meinem Stickproblem half: mein gesamtes Backup von Fotos und Musik hatten auf einmal keinen Zugang mehr erlaubt; ein Virus war wohl auf meine Kamera und meinen Stick gekommen. Er löschte den Virus und so konnte ich mein gesamtes Foto Backup wiederholen und sicherstellen. Seit Anna’s Kameras gestohlen worden waren, war mir viel bewusster, wie wichtig ein separates Backup ist… Nun denn, es regnete den ganzen Tag und so entschieden wir uns gegen unseren Plan eine weitere Nacht dort zu verbringen und erst am nächsten Tag nach Alter do Chao weiterzureisen. So beschäftigten wir uns mit Kleider zur Lavaderia bringen, Internet, Recherchen über den weiteren Verlauf unserer Reise (mitunter checkten wir auch die Flüge aus Brasilien heraus, welche sich als unheimlich teuer entpuppten), dem Versuch Geld abzuheben und so weiter und so fort.

Am nächsten Mittag – nach einem weiteren Riesensalat – nahmen wir den Bus nach Alter do Chao. Vor lauter Müdigkeit nichte ich die ganze Zeit weg, doch schon fast ganz am Ende des Trips quetschte sich ein junger Schönling samt Rucksack durch die Drehtür des Buses – und ich ganz in Ekstase rief laut mit Handgefuchtel „Turistaaaaa“… Fragt mich nicht warum… Wie auch immer stiegen auch wir bald aus und suchten das empfohlene Hostel Floresta Albergue. Wir fanden es und zwar komplett verlassen. Es schien zwar, als hätten Menschen dort gefrühstückt, aber wir warteten eine ganze Weile und keine Menschenseele kreuzte auf. So begaben wir uns auf den Rückweg ins „Zentrum“ um unsere zweite Empfehlung des Guidebooks anzuschauen. Auf dem Weg quaselte ich Anna die Ohren voll, bis mein Blick auf einen auf uns zukommenden Tarzan fiel: der Turistaaaa – spärrlich bekleidet – zu unserer kindlichen Freude, dennnnn wir fingen beide gleichzeitig an zu kichern wie zwei kleine verlegene Schulmädchen und konnten auch nicht aufhören, bis er an uns vorbeigelaufen und uns gegrüsst hatte, worauf wir nur noch mehr gekichert hatten! Was für eine Zurückversetzung in junge Jahre…

Wie dem auch sei; wir entschieden uns für ein Hostel und bekamen dank Handeln einen ziemlich guten Preis für ein privates Zimmer. Nach einer weiteren ausgiebigen Dusche schlenderten wir zum zentralen Platz, der sich direkt am Fluss befand und wo sich alle Menschen zu tummeln schienen. Wir suchten vergeblich die überall angeprangerten Sandinseln wo man Cocktails schlürfen könnte, aber wie uns bald erklärt wurde war der Wasserstand dank Ende Regenzeit viel zu hoch, so dass nur noch die Stohdächer der Schattenspender auf den Inseln aus dem Amazonas lugten… Anna und ich begnügten uns also mit dem überraschen teuren Essen: Crevetten in Öl und Knoblauch gebraten, dazu (auf Wunsch an Stelle von Farofa) Reis. Beim Essen erwarteten wir sehnlichst das Auftauchen des nackigen Tarzans, aber das blieb auf. Und so kauften wir uns total unnötigerweise Kleider…

Durch Langeweile angetrieben setzten wir uns nach dem Sonnenuntergang auf die Praca und beobachteten Leute: dabei halluzinierte ich in einem Moment: ich sah eine Familie, also ein Mann mit seiner kurzhaarigen Frau und ihrem hübschen Töchterchen mit dunkelbraunen Löckchen, einer rosa Masche im Haar und einem pinken Kleidchen. Es stellte sich nach Getratsche mit Anna heraus, dass es nich ein Mann und eine Frau, sondern zwei Männer waren, die da sassen. Und das Mädchen hatte ich mir vollkommen eingebildet! Es existierte kein Kind. Anna spekulierte, dass ich den in der Nähe stehenden gelben Abfalleimer für ein Kind gehalten hatte, aber das schloss ich definitiv aus. Ich hatte also tatsächlich halluziniert!

Nach einer Weile flanierten wir der Uferstrasse entlang – und siehe da – entdeckten den Turistaaa. Wir setzten uns wieder auf unsere Stammbank und philosophierten darüber, mit welcher Ausrede wir ihn ansprechen könnten, woher er wohl komme, wie alt er sei und weitere witzige Details… Keiner von uns hatte Mumm, bis Anna sagte: „Céline, du hast doch gesagt, du kannst auf der Bühne in eine andere Rolle schlüpfen… Stell dir doch einfach vor, du spielst jetzt eine andere Person und du befindest dich hier auf einer Bühne!“ Irgendwie half das ganz gut, denn im nächsten Moment zottelten wir auf den Turista zu und ich sprach ihn und den dazugekommenen Typen halblocker an. Der dazugekommene Typ kam aus Australien und schien sehr arrogant, er verschwand aber glücklichweise nach einer Weile. So bearbeiteten ich und Anna den Turista. Es stellte sich heraus, dass er – so ganz und gar nicht wie wir vermutet hatten – aus Spanien war, allerdings gerade in Uruguay sein Veterinärstudium abgeschlossen hatte und jetzt mit seinem Bruder – welcher in zwei Tagen auch ankommen sollte – für zwei Monate in Südamerika herumreisen wollte, bevor er schliesslich zurück nach Spanien gehen würde, um die Veterinärpraxis seines Vaters zu übernehmen. WAS FÜR EIN ZUFALL… Denn da ich mich ja gegen das Agronomiestudium in der Schweiz entschieden hatte, war ich nun wieder zurück bei Vet. Der Turista stellte sich ausserdem als „Künstler-Reisender“ heraus, soll heissen er reist mit sehr wenig Geld, knüpft Armbänder und ist darauf angewiesen, dass er Kunden findet, um weiterreisen zu können. Zudem mag er keine Städte und campiert praktisch immer mit seinem Zelt, wäscht sich im Amazonas. Eine spannende und vielversprechende Begegnung, allerdings blieb es beim Kennenlernen und nicht mehr. Am nächsten Tag verabredeten wir uns mit ihm um den Tag gemeinsam tod zu schlagen. Wir schwaderten alle drei im Amazonas herum, hockten uns auf den Steg, wo ich ein zuvor geschossenes Foto vom Spanier (wie er von einem Pfahl ins Wasser springt) abzeichnete, Anna lernte von ihm die Kunst des Knüpfens. Zudem ein gemeinsames Mittag- und Abendessen, Cervezas und Smirnoff. Es war ein verkorkstes Relaxen, da Anna und ich beide grossen Gefallen an diesem Kerl fanden, die Atmosphäre von Alter do Chao aus vollkommener Ruhe bestand und kaum ein richtiges Gespräch in Gange kam… Das war also ungefähr unser ganzer Bootstopp.



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